Fettmilch-Aufstand

Nach der Kaiserwahl von Matthias im Mai 1612 schlugen die schon seit langem in Frankfurt schwelenden sozialen Spannungen zwischen Patriziern und Zünften in offene Aufstände um. Die Bürgerschaft forderte vom Rat der Stadt die Bekanntgabe ihrer Privilegien, die Einrichtung eines öffentlichen Kornmarktes zur Regelung der Getreidepreise sowie die Beschränkung der Zahl der in der Stadt ansässigen Jüdinnen und Juden. Außerdem sollte die Höhe des Zinssatzes, den die Juden in ihren Geldgeschäften nehmen durften, rückwirkend um die Hälfte gesenkt werden. Wortführer des Aufstandes wurde Vincenz Fettmilch, ein Krämer und Lebkuchenbäcker, der sich 1602 in Frankfurt niedergelassen hatte. Seine gesellschaftliche Stellung in der Stadt war umstritten, ehe er zum Anführer der Aufständischen wurde. Unterstützt wurde er auch von verschiedenen niederländischen Kaufleuten und vor allem von den Frankfurter Advokaten Weitz und Brenner, die sich von der Vertreibung der Jüdinnen und Juden die Entledigung ihrer Schulden bei selbigen erhofften. Zwei Jahre lang zogen sich die Auseinandersetzungen zwischen dem Rat der Stadt und den Zünften hin, begleitet von zunehmenden Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden. Zwischenzeitlich übernahm die städtische Opposition die Macht im Rathaus, doch eine neue Verfassung, die weite Teile der Bürgerschaft miteinbezog, wurde Anfang 1614 von den Zünften erneut abgelehnt. Der Kaiser, als oberster Schutzherr der Jüdinnen und Juden, verhielt sich zuerst abwartend, unterstützte aber dann zunehmend den alten patrizischen Rat. Am 22. August 1614 überfielen Angehörige der Bürgerschaft die Judengasse; der Ruf: "Plündert die Judengasse" erscholl. Die jüdischen Männer verteidigten die Judengasse mehrere Stunden lang und errichteten hinter den drei Toren Barrikaden aus Fässern, Bänken und Steinen, die Frauen und Kinder flohen auf den Friedhof. Nach einem mehrstündigen Kampf überlisteten die Angreifer die Jüdinnen und Juden und drangen in die Gasse ein. Während alle Jüdinnen und Juden auf den Friedhof flohen, wurde die Gasse geplündert, alles Hab und Gut entweder mitgenommen oder zerstört, Bücher im Feuer verbrannt. Als die Ausschreitungen in die Stadt überzugreifen drohten, wurde die Plünderung der Gasse nach 13 Stunden durch bewaffnete Bürger*innen beendet. Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, man zählte 1380 Personen, wurden vollständig auf dem Jüdischen Friedhof zusammengetrieben und mussten am folgenden Tag die Stadt verlassen. Mit dem Rest ihrer Habe zogen sie in umliegende Ortschaften wie z.B. Hanau, Offenbach, Höchst. Der Sturm auf die Judengasse führte zu einem entschiedenen Eingreifen des Kaisers und der von ihm beauftragten Fürsten. Im September 1614 wurde über Fettmilch die Reichsacht verhängt, der Aufstand brach zusammen. Im Frühjahr 1616 wurde er nach langem Prozess mit anderen Aufständischen öffentlich hingerichtet. Während einige jüdische Familien sich bereits im August 1615 in die Judengasse ansiedeln durften und den Wiederaufbau vorantrieben, konnte die restliche Gemeinde erst im Februar 1616 durch das direkte Eingreifen des Kaisers zurückkehren. Eine neue Stättigkeit wurde erlassen, die von nun an die Rechtsgrundlage für den Aufenthalt der Jüdinnen und Juden in der Stadt bildete. Auf eine Entschädigung ihrer geraubten Habe mussten sie nach langen Verhandlungen vollständig verzichten. Rabbiner Juspa Hahn, ein Zeitzeuge, hat in seinem Werk "Josif Ometz" eine genaue Darstellung der Ereignisse wiedergegeben. In Andenken an die Errettung vor der Vernichtung feierten die Frankfurter Jüdinnen und Juden ein besonderes Fest, den "Purim Vinz".