Mapping Memories - Ver(antw)ortung Börneplatz

Mehr zur architektonischen Installation

08 September 2021

Vier Tage wird der Neue Börneplatz zum Ort lebendiger Auseinandersetzung mit der einstigen Synagoge als pulsierendem Ort des jüdischen Lebens und seiner Wirkung weit über Frankfurt ­hinaus.

Eine Ausstellung des Archäologischen Museums Frankfurt und des Jüdischen Museums Frankfurt mit Arbeiten von Helgard Haug (Rimini Protokoll) und Ariel Efraim Ashbel and friends in einer architektonischen Installation von Nikolaus Hirsch & Michel Müller.

Wo geht es hier zum Börneplatz?

Am südwestlichen Ende des jüdischen Friedhofs entstand im Mittelalter ein Platz, der ab dem 16. Jahrhundert durch den namensgebenden Judenmarkt zum Zentrum des jüdischen Lebens in Frankfurt wurde. Später wurde dieser Platz erheblich vergrößert und 1885, nach dem Bau der orthodoxen Synagoge, zum Börneplatz.

Um seine jüdische Geschichte zu verschleiern, erfolgte 1935 die Umbenennung in Dominikanerplatz, ein Verweis auf das gegenüberliegende Dominikanerkloster. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge zerstört.

Stimmen zum Börneplatz-Konflikt

Die Interviews als Ausgangsmaterial für die Einzelstatements und die hier zu hörende Börneplatz-Collage von Jochanan Shelliem entstanden – bis auf die Aufnahme mit Micha Brumlik und Eva Demski, deren Auftritt auf dem Podium dokumentiert und ausgewertet worden ist – am Rande des Symposiums „Börneplatz-Konflikt 1987 revisited – 30 Jahre danach“ am 20. August 2017 im Museum Judengasse.

Es wurden Ton-Aufnahmen der folgenden Zeitzeug*innen verarbeitet:

01. Ursula Trautwein, Kirchenaktivistin, Bundesverdienstkreuzträgerin

02. Dorothee Lottmann-Kaeseler, Filmregisseurin

03. Jutta Ebeling, Mitglied der Grünen, Bürgermeisterin der Stadt Frankfurt/Main

04. Ursula Schuh

05. Petra Kunik, Schauspielerin und Schriftstellerin

06. Daniel Kempin, Sänger und Chasan im Egalitären Minjan

07. Helga Dieter, Lehrerin und Gründerin des Kinderprojekts „Ferien vom Krieg“

08. Gertraude Friedeborn, ehem. SDS-Mitglied

09. Barbara Aschanta Greul, Künstlerin

10. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist

11. Eva Demski, Schriftstellerin

Die Börneplatzsynagoge

Das nach Plänen des Architekten Siegfried Kuznitzky (1845–1922) erbaute Gotteshaus am Börneplatz (bis 1885 Judenmarkt, von 1935 bis 1978 Dominikanerplatz) wurde am 12. September 1882 als neue Synagoge der Gemeindeorthodoxen feierlich eingeweiht. Sie wurde auch Horowitz-Synagoge oder Neue Gemeindesynagoge genannt.

Um die Jahrhundertwende wurde die Synagoge durch den Architekten Fritz Epstein umgebaut und vergrößert. Nun bot sie Platz für 1.300 Gläubige. Am 8. September 1901 wurde sie durch Rabbiner Dr. Markus Horovitz feierlich wiedereingeweiht.

Am Morgen des 10. November 1938 wurde die Synagoge durch Einheiten der SA auf Anordnung der NSDAP-Leitung in Brand gesteckt. 1939 erfolgte der Abriss der Ruine auf Anordnung der Frankfurter Stadtverwaltung.

Dieses Modell wurde für die Ausstellung „Die Architektur der Synagoge“ im Deutschen Architekturmuseum 1988 angefertigt. Das Atelier Tschavgov berücksichtigte dabei sowohl den Bau Siegfried Kuznitzky 1881-82 als auch die Erweiterung 1901 durch Fritz Epstein.

Spuren der Zerstörung

Im Sommer 1990 wurden die letzten erhaltenen Überreste der ehemaligen Synagoge freigelegt und dokumentiert. Im mit Abbruchschutt verfüllten Untergeschoß des Gebäudes entdeckten Archäologen Fragmente des Toraschreins.

Bislang ließen sich dessen Aussehen und Dimensionen nur anhand historischer Texte und Fotografien rekonstruieren. Seine farbliche Gestaltung sowie Details des ornamentalen Schmucks sind erst Dank der Steinfragmente erfahrbar. Diese Originale bezeugen, dass der Toraschrein nicht abgebaut, sondern regelrecht zertrümmert wurde: die Steine zeigen die Spuren roher Gewaltanwendung. Sie sind in ihrer Unmittelbarkeit und Haptik ein seltenes und eindrucksvolles Zeugnis des Pogroms vom 9. / 10. November 1938 und der nachfolgenden radikalen Zerstörung der Synagoge.

Nach ihrer Rückkehr an den Fundort für “Mapping Memories” werden die Fragmente noch einmal vom Archäologischen Museum für eine Sonderausstellung an das Historische Museum entliehen. Für die Zukunft ist eine Überführung als Dauerleihgabe in die Westendsynagoge geplant.

Unboxing Past

Helgard Haug/Rimini Protokoll

Seit 34 Jahren lagern 513 graue Archivkartons im Depot des Archäologischen Museums Frankfurt. 105 von ihnen tragen die Aufschrift „Börneplatzsynagoge“, auf den anderen steht „Judengasse“.

Genau hier an diesem Ort waren bei Bauarbeiten in den Jahren 1987 und 1990 Fundamente der bei den Novemberpogromen 1938 zerstörten Synagoge freigelegt worden sowie von noch aus der Barockzeit stammenden Gebäuden der ehemaligen Judengasse, dem ersten Ghetto in Deutschland. Sämtliche Funde wurden geborgen und in Kartons abgelegt, aber nach einer raschen Archivierung nicht wieder angegangen.

Mitte 2020 hat der Archäologe Thorsten Sonnemann begonnen, die Archivkartons zu öffnen und den Inhalt systematisch zu erfassen. So vermisst, nummeriert, fotografiert, betrachtet, analysiert und inventarisiert er Steine, Kacheln, Scherben, Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, sowie auch Teile des brutal zerstörten Toraschreins.

„Unboxing Past“ ist ein künstlerisches Projekt, das erstmals in der Geschichte bedeutender archäologischer Vorgänge die Öffnung der Archivkartons und die damit verbundenen Arbeitsprozesse des Archäologen mit drei Kameras und einem Audioaufnahmegerät akribisch begleitet.

„Unboxing Past“ ist darüber hinaus ein digitaler Begegnungs- und Archivraum, der in Kooperation mit dem Projekt Motion Bank an der Hochschule Mainz entsteht. Unterschiedlichste Menschen werden in kleinen Gruppen zur Auseinandersetzung mit den Aufnahmen zusammenkommen.

Anders als der Archäologe Dr. Sonnemann arbeiten sie mit ihren ganz eigenen Mitteln an einer denkbaren Zukunft der Steine. Statt Zollstock und Waage dienen ihnen Leitfragen zur Orientierung: Wie erinnern wir? Was brauchen wir zur Erinnerung? Wie lässt sich die Geschichte dieser Bruchstücke und der mit ihnen verbundenen, menschlichen Verbrechen vermitteln? Und vor allem: Wie können Steine zum Sprechen gebracht werden?

mit dem Archäologen Dr. Thorsten Sonnemann

Konzept, Regie: Helgard Haug

Dramaturgie: Moritz von Rappard

Filmschnitt: Juan Pablo Bedoya

Raumausbau: Hagen Bonifer

Videoeinrichtung: Yannic Bill

Digitalisierung: Motion Bank

Ab September 2021 lädt „Unboxing Past“ kuratierte Gruppen in einen digitalen Begegnungsraum ein. Dabei stellen wir uns die Fragen: Wie erinnern wir? Was brauchen wir zur Erinnerung? Und vor allem: Wie können Steine zum Sprechen gebracht werden? Wenn Sie Interesse haben dabei zu sein, tragen Sie sich gern in unser Kontaktformular ein. Im Austausch mit zwei weiteren Beteiligten werden Sie die Fundstücke diskursiv, künstlerisch und emotional vermessen und diskutieren, wie die Steine hörbar bleiben können.

Unboxing Past von Helgard Haug/Rimini Protokoll ist ein Projekt mit freundlicher Unterstützung durch „experimente#digital – eine Kulturinitiative der Aventis Foundation”, im Rahmen von METAhub Frankfurt in Kooperation mit dem Projekt Motion Bank an der Hochschule Mainz.