Mapping Memories - Ver(antw)ortung Börneplatz

Rückblick auf die Pop-up-Plattform

08 September 2021 Tanja Neumann

Vier Tage lang wurde der Neue Börneplatz vom 9. bis 12. September 2021 zum Ort lebendiger Auseinandersetzung mit der einstigen Synagoge als pulsierendem Ort des jüdischen Lebens und seiner Wirkung weit über Frankfurt ­hinaus.

Eine Ausstellung des Archäologischen Museums Frankfurt und des Jüdischen Museums Frankfurt mit Arbeiten von Helgard Haug (Rimini Protokoll) und Ariel Efraim Ashbel and friends in einer architektonischen Installation von Nikolaus Hirsch & Michel Müller.

Intervention auf dem Börneplatz

In ihrer installativen Intervention auf dem Neuen Börneplatz öffnen Prof. Nikolaus Hirsch und Prof. Dr. Michel Müller den Blick für die historische und soziale Dimension des Platzes. Die Architekten arbeiten dabei mit baulichen Elementen aus der Logistik: Paletten und Kisten beherbergen Funde aus archäologischen Grabungen am Börneplatz oder fungieren als Orte für Gespräche und Austausch. Die Frage, welche und wessen Geschichten dort erzählt werden und welche Leerstellen bleiben, rückt dabei ebenso in den Fokus wie der Umgang mit architektonischen Zeugnissen der Börneplatzsynagoge, die bei Bauarbeiten im Jahr 1990 geborgen werden konnten. Im Zentrum der Installation stehen die originalen Bruchstücke des zerstörten Toraschreins, die vorübergehend an ihren Ursprungsort zurückkehren.

(1) Der Architekt Nikolaus Hirsch
(2) Der Architekt Michel Müller
(3) Entwurfszeichnung für die Pop-up-Plattform. Copyright: Nikolaus Hirsch und Michel Müller

Wo geht es hier zum Börneplatz?

Am südwestlichen Ende des jüdischen Friedhofs entstand im Mittelalter ein Platz, der ab dem 16. Jahrhundert durch den namensgebenden Judenmarkt zum Zentrum des jüdischen Lebens in Frankfurt wurde. Später wurde dieser Platz erheblich vergrößert und 1885, nach dem Bau der orthodoxen Synagoge, zum Börneplatz.

Um seine jüdische Geschichte zu verschleiern, erfolgte 1935 die Umbenennung in Dominikanerplatz, ein Verweis auf das gegenüberliegende Dominikanerkloster. In der Reichspogromnacht wurde die Synagoge zerstört.

Stimmen zum Börneplatz-Konflikt

Eine Audio-Installation von Jochanan Shelliem präsentiert Erinnerungen von Beteiligten an den Börneplatzkonflikt im Jahr 1985. Nachdem die Stadt Frankfurt beschlossen hatten, auf dem Areal ein Gebäude für die Stadtwerke zu bauen, wurden bei den Bauarbeiten vor Ort die Fundamente von Häusern der Judengasse sowie Fragmente der Börneplatzsynagoge gefunden. Als die Stadt an den Bebauungsplänen festhielt, kam es zu einem vehementen Konflikt vor Ort, in dem es um einen angemessenen Umgang mit jüdischen Kulturzeugnissen ging.

Die Interviews als Ausgangsmaterial für die Einzelstatements und die hier zu hörende Börneplatz-Collage von Jochanan Shelliem entstanden – bis auf die Aufnahme mit Micha Brumlik und Eva Demski, deren Auftritt auf dem Podium dokumentiert und ausgewertet worden ist – am Rande des Symposiums „Börneplatz-Konflikt 1987 revisited – 30 Jahre danach“ am 20. August 2017 im Museum Judengasse.

Es wurden Ton-Aufnahmen der folgenden Zeitzeug*innen verarbeitet:

01. Ursula Trautwein, Kirchenaktivistin, Bundesverdienstkreuzträgerin

02. Dorothee Lottmann-Kaeseler, Filmregisseurin

03. Jutta Ebeling, Mitglied der Grünen, Bürgermeisterin der Stadt Frankfurt/Main

04. Ursula Schuh

05. Petra Kunik, Schauspielerin und Schriftstellerin

06. Daniel Kempin, Sänger und Chasan im Egalitären Minjan

07. Helga Dieter, Lehrerin und Gründerin des Kinderprojekts „Ferien vom Krieg“

08. Gertraude Friedeborn, ehem. SDS-Mitglied

09. Barbara Aschanta Greul, Künstlerin

10. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist

11. Eva Demski, Schriftstellerin

Die Börneplatz-Synagoge

Das nach Plänen des Architekten Siegfried Kuznitzky (1845–1922) erbaute Gotteshaus am Börneplatz (bis 1885 Judenmarkt, von 1935 bis 1978 Dominikanerplatz) wurde am 12. September 1882 als neue Synagoge der Gemeindeorthodoxen feierlich eingeweiht. Sie wurde auch Horowitz-Synagoge oder Neue Gemeindesynagoge genannt.

Um die Jahrhundertwende wurde die Synagoge durch den Architekten Fritz Epstein umgebaut und vergrößert. Nun bot sie Platz für 1.300 Gläubige. Am 8. September 1901 wurde sie durch Rabbiner Dr. Markus Horovitz feierlich wiedereingeweiht.

Am Morgen des 10. November 1938 wurde die Synagoge durch Einheiten der SA auf Anordnung der NSDAP-Leitung in Brand gesteckt. 1939 erfolgte der Abriss der Ruine auf Anordnung der Frankfurter Stadtverwaltung.

(4) Dieses Modell wurde für die Ausstellung „Die Architektur der Synagoge“ im Deutschen Architekturmuseum 1988 angefertigt. Das Atelier Tschavgov berücksichtigte dabei sowohl den Bau Siegfried Kuznitzky 1881-82 als auch die Erweiterung 1901 durch Fritz Epstein.
(5) Foto: Jessica Schäfer

Spuren der Zerstörung

Im Sommer 1990 wurden die letzten erhaltenen Überreste der ehemaligen Synagoge freigelegt und dokumentiert. Im mit Abbruchschutt verfüllten Untergeschoß des Gebäudes entdeckten Archäologen Fragmente des Toraschreins.

Bislang ließen sich dessen Aussehen und Dimensionen nur anhand historischer Texte und Fotografien rekonstruieren. Seine farbliche Gestaltung sowie Details des ornamentalen Schmucks sind erst Dank der Steinfragmente erfahrbar. Diese Originale bezeugen, dass der Toraschrein nicht abgebaut, sondern regelrecht zertrümmert wurde: die Steine zeigen die Spuren roher Gewaltanwendung. Sie sind in ihrer Unmittelbarkeit und Haptik ein seltenes und eindrucksvolles Zeugnis des Pogroms vom 9. / 10. November 1938 und der nachfolgenden radikalen Zerstörung der Synagoge.

(6) Foto: Jessica Schäfer
(7) Foto: Jessica Schäfer
(8) Foto: Jessica Schäfer
(9) Foto: Jessica Schäfer
(10) Foto: Jessica Schäfer

Unboxing Past

Das Projekt “Unboxing Past” von Helgard Haug (Rimini Protokoll) nimmt die steinernen Fragmente der Synagoge im Depot des Archäologischen Museums zum Anlass, um einen Blick hinter die Kulissen musealer Arbeitspraxis zu werfen. Seit einem Jahr beobachten drei Kameras Dr. Thorsten Sonnemann beim “Auspacken” von rund 100 Archivkartons und der Inventarisierung von den steinernen Zeugnissen, die sie bewahren. Das Projekt lädt zum Nachdenken über Praktiken der Archivierens und Erinnerns ein und befragt das museale Gedächtnis, das an den materiellen Kulturgütern haftet.

(11) Foto: Jessica Schäfer
(12) Foto: Jessica Schäfer
(13) Foto: Jessica Schäfer

Bar Mitzvah'd at Forty

Die Bar Mitzvah – der jüdische "Übergangsritus" oder Konfirmation – ist ein bedeutender Moment im Leben eines jüdischen Menschen. Es ist der Moment, in dem junge Menschen Teil der Gemeinschaft werden. Da er die Bar Mitzvah in seiner Jugend nicht vollzogen hat, holt Ariel Efraim Ashbel diese vielleicht wichtigste jüdische Zeremonie heute nach – an seinem 40. Geburtstag im Sommer 2022.

(14) Foto: Jessica Schäfer
(15) Foto: Jessica Schäfer

Das Rahmenprogramm

Im Rahmen von "Mapping Memories - Ver(antw)ortung Börneplatz" haben Führungen, Diskussionen und Performances stattgefunden. Sie wurden in Fotografien und Filmen dokumentiert, die Sie in Kürze ebenfalls hier finden werden.